Veranstaltungen im Sommer 2010
06. Mai | 18.00 Uhr | HZO 80
Okzidentalismus und ‘Sexual Politics’
Gabriele Dietze (Berlin)
Die deutsche Obsession mit dem (als islamisch begriffenen) Kopftuch hat im Laufe der Zeit viele Formen angenommen. Sie hat zum Berufsverbot für Lehrerinnen in einigen Bundeländern geführt, zu einer Bilderflut in politischen Magazinen und ist zum Anlass politischer Debatten über Leitkultur, Wertegemeinschaft, Christliches Abendland, dem angeblichen Scheitern des Multikulturalismus und ‚Parallelgesellschaften‘ geworden. Dabei kommt sexualpolitischen Fragen wie Frauenemanzipation und ‚Toleranz‘ gegenüber Homosexualität ein besonderer Stellenwert zu. Obwohl noch vielfach als ‚Ausländerfeindlichkeit‘ verharmlost, haben wir es hier mit einer besonderen Form von Neo-Rassismus zu tun, nämlich anti-muslimischen Rassismus. So wie die Feindlichkeit gegenüber Menschen mit schwarzer Haut Whiteness konstruiert und die Ablehnung von Menschen jüdischer Herkunft Ariertum, so produziert der anti-muslimische Rassismus Okzidentalität. ‚Okzidentalismus‘ ist demnach ein Diskurs der Selbstaffirmation kultureller ‚Überlegenheit‘ des Christlichen Abendlandes. Okzidentalismuskritik versteht sich diesem Zusammenhang als systematische Aufmerksamkeit gegenüber identitätsstiftenden Neo-Rassismen, die sich über eine Rhetorik der ›Emanzipation‹ und Aufklärung definieren. Okzidentalismuskritik ist dabei nicht nur ein Imperativ der Hegemonie(selbst)reflektion, sondern auch ein Instrument der Analyse und Kritik des immer noch machtasymmetrischen okzidentalen Sex-Gender-Systems.
10. Juni | 18.00 Uhr | HZO 80
Der Körper als Politikum – Theoretische und politisch-praktische Perspektiven
Katharina Knüttel (Bochum)
War „der Körper“ lange Zeit eher eine randständige Erscheinung in der Soziologie, erfährt er seit den 1990er Jahren zunehmend wissenschaftliche Beachtung – einerseits als „Geschlechtskörper“ von Seiten der Gender Studies, andererseits aber auch in der Entwicklung einer allgemeinen Körpersoziologie. Als „weiblicher Körper“ war er bereits zuvor vielfacher politischer Bezugspunkt in den neuen Frauenbewegungen. Nach einer kurzen Vorstellung ausgewählter theoretischer Zugänge soll anhand einiger Beispiele ausgeleuchtet werden, welche Rolle Körper in der (Re-)Produktion miteinander verwobener Machtdimensionen wie Geschlecht, Klasse und „race“ spielen, um anschließend Anknüpfungspunkte für eine politische Praxis diskutieren zu können.
17. Juni | 18.00 Uhr | HZO 80
Feminismen und ‚Neue Politische Generation’ – Strategien feministischer Praxis
Anne Lenz/Laura Paetau (Berlin)
Was machen Feminist_innen heute? Und wie lassen sich Feminismus und Feminist_in sein heute praktisch denken? Dieser Frage widmen wir uns in der 2009 erschienenen Untersuchung Feminismen und ‚Neue Politische Generation’. Auf der Suche nach Handlungsräumen für Feminismen – außerhalb medialer popfeministischer Debatten – fragen wir nach Strategien und Zielen feministischer Aktivist_innen in Bezug auf ihre politische Praxis und Organisierung. Welche Theorie liegt der jeweiligen Praxis zugrunde? Welches Wirkungsfeld versuchen die Aktivist_innen zu erreichen und in welches intervenieren sie letztendlich? Inwiefern bestehen Perspektiven in Bezug auf die Politisierung der Geschlechterverhältnisse und was verstehen die interviewten Frauen und Männer unter dem „F-Wort“? Grundlage der Untersuchung ist eine empirische Erhebung, in der Aktivist_innen, organisiert in Berliner Gruppen, qualitativ befragt wurden. Die Interviews werden bezüglich der berichteten politischen Strategien mit- und gegeneinander diskutiert und geben einen breiten Eindruck über aktuellen, feministischen Aktivismus. Betrachtet werden sie dabei vorwiegend aus zwei Perspektiven: Zum einen ausgehend von der Subjektivität der befragten Person vor dem Hintergrund ihrer individuellen Geschichte und zum anderen in Bezug auf die der Untersuchung zugrunde liegenden Annahmen: Die neue deutsche Frauenbewegung, als explizit feministische Bewegung, hat sich bezüglich ihrer identitären Organisationsform von Frauen als Frauen und für Frauen sowie der daraus folgenden Manifestation von Geschlecht als „Hauptwiderspruch“ überlebt. Ungleichheit qua Geschlecht hingegen, in Form der Benachteiligung von Frauen sowie als binäre Kategorisierung, existiert – mal anders, mal sehr ähnlich den Widersprüchen der 70er Jahre – weiterhin. In Anlehnung an dieses „Erbe der Frauenbewegung“ reflektiert die Untersuchung den Aktivismus junger Feminist_innen und möchte Anregungen geben, was „Feminismus“ und “Feministin sein“ heute heißen kann.
01. Juli | 18.00 Uhr | GBCF 04/611
Behinderung, Normalität und Geschlecht als intersektionales Feld
Anne Waldschmidt (Köln)
Dass behinderte Menschen anders sind als “wir Normalen” (Erving Goffman), wird üblicherweise nicht auf gesellschaftliche Einflüsse zurückgeführt, sondern auf die gesundheitlichen Störungen und Abweichungen, die als objektiv feststellbare “Naturtatsachen” angesehen werden. Entsprechend wird von der kulturellen Universalität des Behinderungsphänomens ausgegangen und “Behinderung” (disability) wird zumeist umstandslos mit “Beeinträchtigung” (impairment) gleichgesetzt. Dagegen wird in der Genderdebatte davon ausgegangen, dass Geschlecht eine soziale Konstruktion ist und die beiden Dimensionen “sex” und “gender” sich wechselseitig durchdringen.
In jüngster Zeit haben die Disability Studies darauf aufmerksam gemacht, dass es auch im Falle von Behinderung keine unhintergehbare “Natur” gibt. Ihnen zufolge stellt erst die gemeinsame Assoziation mit Unvermögen und Anormalität die kollektive Identität von Menschen mit höchst vielfältigen körperlichen Erfahrungen und Fähigkeiten her. Behinderung ist keine fixe Kategorie, sondern ein eher unscharfer Oberbegriff, der sich auf eine bunte Mischung von unterschiedlichen körperlichen und kognitiven Merkmalen bezieht, die oft nichts anderes gemeinsam haben als das soziale Stigma der Begrenzung, Abweichung und Unfähigkeit. Im Anschluss an die Intersektionalitätsdebatte lässt sich zeigen, dass sich Geschlecht und Behinderung nicht als getrennte Kategorien gegenüber stehen, sondern vielmehr das Zusammenspiel von “sex” und “impairment”, “gender” und “disability” im Ergebnis eine Matrix ergibt: Alle vier Ebenen verweisen aufeinan-der und überschneiden sich; alle vier Ebenen, d.h. auch “sex” und “impairment” als vermeintlich natürliche Phänomene sind gesellschaftlich hergestellt. Die Logik der Wechselwirkungen wird offensichtlich von der Macht der Normalität bestimmt. und auch sie offenbart sich als ambivalent.
Veranstaltungen im Winter 2009
02. Dezember | 19.00 Uhr | KulturCafé an der Ruhr-Universität Bochum
Zwei Welten: Männer und Frauen im Beruf?!
Carmen Tietjen (Düsseldorf)
Die Erwerbstätigkeit von Frauen steigt seit Jahren an, doch Ungleichheiten im Erwerbsleben bestehen fort. Im europäischen Vergleich schneidet Deutschland im Hinblick auf das Ausmaß der beruflichen Segregation zwischen Frauen und Männern, die geschlechtsbezogene Entgeltdifferenz und die Präsenz von Frauen in betrieblichen Führungspositionen mäßig bis schlecht ab. Nachdem sich Analysen der asymmetrischen Geschlechterverhältnisse lange Zeit vorrangig auf die Arbeitsmarktebene konzentrierten, ist mittlerweile die betriebliche Ebene in den Fokus gerückt. In Betrieben entscheidet sich unter welchen Bedingungen Frauen und Männer ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen, wie Qualifikationen gewertet und Arbeit faktisch entlohnt wird und wie sich ihre beruflichen Aufstiegschancen gestalten.
03. Dezember | 19.00 Uhr | HZO 100
Intersektionaler Mehrebenenansatz zur Analyse sozialer Ungleichheiten
Gabriele Winker (Hamburg)
Intersektionalität kann als ein neues Paradigma der Gender und Queer Studies bezeichnet werden. Damit sind Wechselwirkungen zwischen Differenzkategorien gemeint, die sich einer rein additiven Verknüpfung entziehen. Offen ist die Frage, wie diese Wechselwirkungen theoretisch und empirisch zu fassen sind und sich soziale Ungleichheiten intersektional analysieren lassen. Die Referentin stellt ihren zusammen mit Nina Degele entwickelten praxeologisch orientierten intersektionalen Mehrebenenansatz zur Diskussion: Kontextualisiert innerhalb der kapitalistischen Profitmaximierung plädiert sie dafür, vielfältige Differenzkategorien auf der Identitäts-, der Repräsentations- und der Strukturebene sowie deren Wechselwirkungen zu analysieren. Der methodologische Ausgangspunkt ist die Fokussierung auf soziale Praxen. Nur so werden Herrschaftsverhältnisse wie Klassismen, Heteronormativismen, Rassismen und Bodyismen in ihrer Vielfältigkeit und Verwobenheit deutlich. Gleichzeitig wird auch konkretes Handeln Einzelner zwischen Anpassungen und Widersetzungen sichtbar.
05. Dezember | 19.00 Uhr | KulturCafé an der Ruhr-Universität Bochum
Heteronormativität in Star Trek
Verena Schuh und Jos Schaefer-Rolffs (Bochum)
Science Fiction und Gesellschaft stehen in einer engen Wechselbeziehung. Einerseits fungiert Science Fiction als gesellschaftlicher Raum für utopische Projektionen, andererseits stellt sie einen Spiegel des Status Quo der Gesellschaft dar. Die Serie Star Trek versinnbildlicht beides. Obwohl hier bereits in den 60er Jahren liberale Ansätze deutlich wurden, zog und zieht sich durch das Star Trek Kontinuum ein heteronormatives Leitmotiv, welches sich in der symbolischen Ordnung des Narrativs manifestiert. Auch weibliche Crewmitgleider verweisen auf eine zugrunde liegende abstrakte hegemoniale Männlichkeit.
Der Beitrag soll am Beispiel der weiblichen Protagonisten der Serie Star Trek: The Next Generation dieser These nachgehen. Dies soll im theoretischen Rahmen, auch mit Hilfe von Beispielen aus der Serie, aufgezeigt werden.
07. Dezember | 19.00 Uhr | KulturCafé an der Ruhr-Universität Bochum
Queer Theory
Martin Seeliger (Bochum)
Seit den späten 1980er Jahren dienen Elemente aus dem Feld der Queer Theory als Bezugspunkte wissenschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen. Es erscheint also wenig überraschen, dass queere Theorieentwürfe neben einer internen Ausdifferenzierung außerdem einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf zahlreiche Diskussionsstränge innerhalb der Gender Studies ausgeübt haben und ausüben. Als zentrale Referenz dient in diesem Zusammenhang der Ansatz von Judith Butler, auf den sich auch der Inhalt in weifacher Weise bezieht. So werden Aspekte von Butlers Denken hinzugezogen, um am Beispiel der Subjekttheorie zum einen die Frage nach dem ‚feministischen Wir‘ [wer ist das überhaupt (nicht)?] und zum anderen die Art und Weise der individuellen Konstruktion von (Geschlechter-)Identitäten [Auf welche Weise erlangen einzelne Personen Handlungsfähigkeit unter (repressiven) gesellschaftlichen Bedingungen?] zu erläutern. Im Anschluss soll eine Einordnung/Verhältnisbestimmung queer-theoretischer Positionen in die/zu verschiedenen Bereichen der Geschlechterforschung Aufschluss über ihren Einfluss auf feministisch-wissenschaftliche Diskussionen bieten. Offen bleibt die Frage nach ihrer Wirkung auf sowie Chancen für die alltägliche politische Praxis, der wir ggfs. zum Ende gemeinsam nachgehen können.
08. Dezember | 19.00 Uhr | KulturCafé an der Ruhr-Universität Bochum
Intersektionalität und Männlichkeit
Olaf Stuve und Mart Busche (Berlin)
Der Begriff der Intersektionalität – von to intersec (englisch): sich (über)schneiden, kreuzen – bezeichnet eine aktuelle Diskussion in den Sozialwissenschaften, mit der auf herrschaftskritische Weise verschiedene ineinander verschränkte Diskriminierungsformen und Dominanzverhältnisse mit dem Ziel des Abbaus von Herrschafts- und Unterordnungsverhältnissen bearbeitet werden.
In unserem Beitrag werden wir ausgehend von zwei Projekten („Intersektionale Gewaltprävention“ und „PeerThink – Tools and Resources for an intersectional prevention of peer violence“) ausloten, inwieweit das Konzept der Intersektionalität für die Sozial- und Bildungsarbeit gewinnbringend ist. In diesem Zusammenhang sprechen wir augenblicklich von „intersektionalen Erweiterungen“ von z.B. geschlechterreflektierenden Ansätzen der Pädagogik. Von diesen Praxiserfahrungen werden wir theoretischen Fragestellungen in Bezug auf intersektionale Erweiterungen der Kategorie Gender mit einem Fokus auf Männlichkeiten nachgehen.
Unser Beitrag wird kleine methodische Übungen enthalten.
10. Dezember | 19.00 Uhr | HZO 100
Hauptsache Arbeit? – Lebensführungen und Geschlechterarrangements in prekären Beschäftigungsverhältnissen
Susanne Völker (Köln)
Im Mittelpunkt des Beitrags stehen die Lebensführungen von Frauen (und Männern), die unter prekarisierten Erwerbsbedingungen ihr Leben arrangieren müssen. Mit welchen Arbeitsverhältnissen haben wir es unter dem Stichwort der Prekarisierung/Deregulierung zu tun? Sind Frauen und Männer unterschiedlich von ihnen betroffen? Wie werden den schwer zumutbaren Arbeitsbedingungen dennoch Freiräume für die eigenen Interessen und Bedürfnisse abgerungen? Welche Folgen zeitigt die Prekarisierung von Arbeit und Leben für familiäre Zusammenhänge, für die praktizierten Geschlechterarrangements, für Männer- und Frauen’rollen‘? Und welche Phantasien oder praktischen Versuche eines sozial eingebundenen Lebens jenseits der Erwerbsarbeit werden entwickelt?
Zu diesen Fragen möchte ich Befunde einer Untersuchung zur Lebenssituation von Beschäftigten im brandenburgischen Einzelhandel vorstellen.